Von Menschen und Schule – ein Rückblick auf die Gründerjahre
Vor mehr als 45 Jahren, im April 1980, wurde die Rudolf Steiner Schule in Kreuzlingen eröffnet. Die Idee für die RSSK entstand aus einem Kreis mehrerer Familien heraus, die sich zusammengeschlossen hatten, um ihre Vision von Schule in die Realität umzusetzen. Wir wollen mit Ihnen auf die Gründerjahre zurückblicken und an drei Persönlichkeiten erinnern ohne deren Impulse und Tatendrang unserer Schule nicht möglich gewesen wäre: Jakob Ackermann, Kurt Bräutigam und Gretel Koloska.
Als ich vor sechs Jahren dabei war, die Homepage für die RSSK umzustellen, wollte ich einen Überblick über die Gründung und Geschichte der Schule verfassen (hier nachzulesen). Dafür traf ich mich mit Kurt Bräutigam mit einem Zettel voller Fragen und dem Hintergrundwissen, das ich mir aus alten „Schulnotizen“ (dem damaligen „Newsletter“ in Papierform) und Fotos zusammengesucht hatte. Kurt Bräutigam hatte 1977 die grosse Aufgabe übernommen, ein Gründungslehrerkollegium zu bilden, und war seitdem bis zu seinem Tod 2023 nicht mehr aus der RSSK wegzudenken.
Metamorphose: Vom Keimen und Reifen
Im Gespräch mit Alois Heigl komme ich dem „Geist der ersten Stunde“ erneut sehr nahe. Er war zusammen mit Jakob Ackermann, Joseph Furrer, Rosmarie Göpfert, Erdmuth Grosse, Karl Hublow, Dr. Hans Huber, Samuel Kaufmann, Gretel Koloska und Peter Zehnder Mitglied im Gründungsvorstand des Rudolf Steiner Schulvereins Thurgau, der am 6. November 1976 in Anwesenheit von über 50 Mitgliedern auf dem Ekkharthof gewählt wurde. Eigentlich seit zwölf Jahren pensioniert, engagiert sich der langjährige Lehrer mit seinen 77 Jahren noch immer an der RSSK als Mentor und im EFS (Verein der Ehemaligen und Freund*innen der RSSK). Daran zeigt sich schon, welch wichtigen Platz die RSSK in seinem Leben einnimmt. Schliesslich war Alois Heigl fast von Anfang an dabei, lediglich ein oder zwei Treffen zu Beginn fanden ohne ihn statt.
Ein Gespräch in der Milchkammer
Aber was bedeutet von Anfang an dabei? Bis zur Wahl des Vorstandes im Jahr 1976 hatte sich bereits einiges getan. 1972 begann die eigentliche Geschichte der RSSK. Wenn Alois Heigl davon berichtet, fallen unweigerlich die Namen Jakob und Rosmarie Ackermann und Gretel Koloska. Die „fast unglaublich anmutende Idee einer Steiner-Schule in unserer thurgauisch-ländlichen Gegend“, wie es der erste Vorstandspräsident Jakob Ackermann in einem Rückblick auf die Entstehungszeit im Jubiläumsheft 10 Jahre Rudolf Steiner-Schule Kreuzlingen 1990 formulierte, kam in einem Gespräch in der Milchkammer des Oswaldhofs in Klarsreuti auf – Heimat von Gretel Koloska, deren Eltern die Demeterlandwirtschaft erstmals in die Schweiz brachten und die, bis sie im Dezember 2024 starb, die biodynamischen Wirtschaftsweise auf ihrem Hof fortführte und lebte. Der Oswaldhof war neben dem Ekkharthof besonders in den Anfangsjahren ein wichtiger Treffpunkt und Ort für Feste der Schulgemeinschaft. Ab 1973 fanden regelmässige Treffen einmal im Monat in der Bibliothek des Ekkharthofes statt und der Initiativkreis Rudolf Steiner Schule-Region Thurgau wurde ins Leben gerufen. Die federführenden Mitglieder kamen vom Oswald- und Ekkharthof und aus dem anthroposophischen Friedrich Schiller Zweig Frauenfeld, aus dem später der Johannes Hus Zweig Kreuzlingen/Konstanz hervorging. Jakob Ackermann schrieb in seinem Bericht über die Inhalte dieser Treffen: „Schwerpunkt sind Fragen nach der Erziehung des Kindes, dem Wesen der Steiner-Pädagogik und den Lebensbedingungen einer Steiner-Schule“ […] Wie gründet man eine Steiner-Schule, sind geeignete Lehrer da, wo soll der Unterricht stattfinden?“
Eine „Familie“, die zusammenhält
Über die Menschen, die auf all diese Fragen gemeinsam Antworten fanden und ihre Ideen und Arbeitskraft über unzählbare Stunden in unserer Schule einbrachten, sagt Alois Heigl: „Das war eigentlich eine Familie. Ich habe die Menschen sehr geschätzt, die mitgewirkt haben. Es war eine spannende Zeit – so etwas auf die Beine zu stellen oder zumindest das Ziel zu haben. Wir wussten ja nie ob es gelingt.“ Das Gelingen einer Schule war noch lange nicht klar, als einen Tag nach der Gründung des Rudolf Steiner Schulvereins Thurgau der „Gründungsbazar“ am 7. November 1976 im katholischen Kirchengemeindehaus in Kreuzlingen die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machte. Von Beginn an unterschied sich der von Rosmarie Ackermann initiierte Basar in seiner liebevollen Gestaltung, der familiären Atmosphäre und einmaligen Qualität von allen bis dahin bestehenden Veranstaltungen. Mit dem „Gründungsbazar“ begann die Werbung und Öffentlichkeitsarbeit; es folgten u.a. Vorträge, Studienabende und Ausstellungen von Schüler*innenarbeiten. Schon bei der 2. Mitgliederversammlung im Juli 1977 zeigte sich die Wirkung. Es „können u.a. folgende Mitteilungen gemacht werden“, schrieb Jakob Ackermann in seinem Rückblick. „–Bereits liegen 80 provisorische Kinderanmeldungen vor. – Kurt Bräutigam entschliesst sich, an der zu gründenden Schule zu wirken, und erhält den Auftrag zur Bildung eines Gründungslehrerkollegiums. Diese wird die volle Verantwortung und die spätere Führung der Schule in selbständig erwerbender Tätigkeit übernehmen.“
Aufschwung und Stolpersteine
In diesen Aufschwung fiel im Mai 1978 die Eröffnung des ersten Kindergartens im Châlet an der Bärenstrasse in Kreuzlingen. „Schon bald spricht man im Elternkreis begeistert vom neuen Steiner-Kindergarten“, ist in Jakob Ackermanns Bericht zu lesen. Immer mehr Menschen wurden auf das Projekt „Schulgründung“ aufmerksam. So fand sich ein Kreis Lehrer*innen zusammen, der ab September 1978 im Kindergartenchâlet zusammentraf und aus dem heraus das Gründungslehrerkollegium entstand. Im selben Jahr wurde die Führung einer Rudolf Steiner Schule von der Thurgauischen Erziehungsdirektion bewilligt und der Schulverein als gemeinnützige Organisation anerkannt.
Doch zwischen die positiven Meldungen mischten sich auch einige Stolpersteine. Besonders an „spannende Momente“ bei der Suche nach einer Liegenschaft erinnert sich Alois Heigl: „Eigentlich dachten alle die Schule kommt nach Weinfelden ins Zentrum vom Thurgau.“ Dort hatte sich bereits ein Gebäude gefunden, aus dem in letzter Minute doch nichts wurde. „Erstmal waren alle traurig“, so Alois Heigl, „doch dann kam die aktuelle Liegenschaft ins Spiel“ – die ehemalige Strickwarenfabrik Wieler in der Bahnhofstrasse in Kreuzlingen. Dank eines einflussreichen Gönners ging alles recht schnell. An einem „trüben, nassen, kalten Novembertag nach einer Beerdigung“, berichtet Alois Heigl, stand er zum ersten Mal in dem Gebäude. „Ich dachte: Und das soll ein Schulhaus werden?“ Zusammen mit einer einberufenen Baukommission und Fachleuten halfen alle zusammen, renovierten und richteten das Schulhaus her. Jakob Ackermann berichtete 1990: „Und dann – scheinbar Unmögliches wird möglich: Kauf des Schulhauses im Januar – nur drei Monate später die Schuleröffnung!“
Eine „sagenhafte Stimmung“
Von einer „sagenhaften Stimmung“ bei der Eröffnungsfeier am 19. April 1980 hatte Kurt Bräutigam bei unserem damaligen Treffen erzählt. Mit den Klassen 1 bis 4 startete der Unterricht an der RSSK. Der neue Standort in Kreuzlingen, sagt Alois Heigl, war im Nachhinein„ein grosses Glück“, denn nun entstand eine grenzübergreifende Schule zusammen mit Konstanz. „Das Einzugsgebiet Konstanz war sehr wichtig für uns.“ So konnte 1988 der Lehrplan erstmals bis in die 11. Klasse verwirklicht werden. Mehr als 45 Jahre sind seit der Eröffnung vergangen. Weitere Kindergartengruppen, die Spielgruppe und die Eltern-Kind-Gruppe kamen hinzu, zahlreiche Adventsbasare, Mitgliederversammlungen und Schulfeiern fanden statt. Die RSSK entwickelte sich weiter und tut es immer noch – und das v.a. wegen der vielen Menschen, die gemeinsam im Vorstand, im Kollegium und in der Elternschaft von Beginn an für die Verwirklichung einer Rudolf Steiner Schule in Kreuzlingen zusammenhalfen und -helfen.
Mit grossem Dank erinnern wir uns an Jakob Ackermann, Kurt Bräutigam, Gretel Koloska und an die anderen Gründungsmitglieder, die unsere wunderbare Schulgemeinschaft begründet haben und deren Leben jeden Tag in unserer Schule weiterwirkt.
Text: Anika Mahler
Fotos: Archiv RSSK