Momo – Schauspiel der 6. Klasse
Gerade noch auf Klassenfahrt in den Schweizer Bergen standen die Schüler*innen der 6. Klasse eine Woche lang nur noch auf der Bühne, probten, schlüpften zum ersten Mal in ihre Kostüme und passten die letzten Abläufe an. Am Ende der Intensivwoche hiess es am 4. und 5. Juli Vorhang auf für Momo, die Grauen Herren, Schildkröte Kassiopeia, Gigi, Beppo, Meister Hora und die vielen Freund*innen rund um die Heldin aus Michael Endes immer noch hochaktuellem Klassiker in der Bühnenbearbeitung von Vita Huber.
„So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr!“, sagt die Klassenlehrerin der 6. Klasse Yvonne Wohlfeld. Es ist kurz vor der „Feuertaufe“, der ersten wirklichen Aufführung vor der ganzen Schule. Noch einmal sammeln sich ihre Schüler*innen auf der Bühne in einem Kreis zum „Aufwärmen“. Sie verankern sich, schütteln sich, machen Sprachübungen und Gesten, fassen sich an den Händen und nehmen Verbindung zueinander auf. Dann gibt es ein lautes „Toi! Toi! Toi!“ und alle verteilen sich hinter der Bühne im kleinen Saal, wo jede*r – fast wie die richtigen Schauspieler*innen – seinen eigenen Platz hat mit Ablaufplan der Rollen, aufgereihten Kostümen und Requisiten. Noch ein kleiner Blick auf den Plan an der Wand und wer gleich auf die Bühne muss, stellt sich in die Reihe hinter dem seitlichen Vorhang, während das Lampenfieber steigt und der Saal sich füllt.
Was ist eigentlich Zeit?
In ihrer Ansprache vor dem Vorhang nennt Yvonne Wohlfeld ganz oft die Zeit – die Zeit, die davonläuft, wenn man mitten im Proben steckt und merkt, dass noch nicht alles fertig ist, die Zeit, die lang wird, wenn man hinter der Bühne sitzt und wartet, bis es endlich los geht. Zeit ist das Thema des Stücks. Was ist eigentlich Zeit? Mit welchen Dingen, mit welchen Menschen, mit was verbringen wir sie? Was „stiehlt“ uns Zeit? Wie nutzen wir sie sinnvoll? Und was hat eigentlich einen wirklichen Wert in unserem Leben? Michael Endes Themen sind so aktuell wie nie und regen sowohl Kinder als auch Erwachsene zum Nachdenken an.
Vom „Geheimnis der Zeit“ spricht auch direkt die Figur des Meister Hora, dem Verwalter der Zeit, der in Endes Geschichte den Menschen ihre jeweilige Lebenszeit zuteilt. In einem langen grünen Mantel mit einer daran baumelnden goldenen Taschenuhr und vielen weiteren schimmernden Details auf Schuhen und Kleidung stimmt er auf das Stück ein. Wie einem die Zeit erscheine, liege daran, was man in ihr erlebt, sagt er – und das ist in den nächsten knapp eineinhalb Stunden das Eintauchen in „Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“. (1)
31.536.000 Sekunden
Die Idee für das Theaterstück kam Yvonne Wohlfeld bereits Anfang des Schuljahres, als ein Schüler fragte: „Wie viele Sekunden hat eigentlich ein Jahr?“ Sofort dachte sie an Michael Endes „Momo“. Sie liess den Gedanken einige Monate reifen, bevor sie ihre Schüler*innen fragte, ob sie darauf Lust hätten, das Stück auf die Bühne zu bringen. „Sie waren alle aus dem Häuschen. Und ich dachte mir: Okay, jetzt gibt’s kein Zurück mehr“, sagt die Lehrerin.
Spätestens seit der Aufführung wissen wir, wie viele Sekunden ein Jahr hat – nämlich 31.536.000, wie es einer der Grauen Herren dem eingeschüchterten Friseur Herrn Fusi vorrechnet und ihm gleichzeitig nachdrücklich nahelegt, von nun an keine Zeit mehr zu „verschwenden“ mit Werten wie Empathie, Freundschaft, Liebe und Freude.
Zeit-Diebe
Die Grauen Herren sind die Bösewichte im Stück. Unnahbar mit ihren Sonnenbrillen, ihrem gleichen Erscheinungsbild mit grauem Jackett, schwarzer Melone, Krawatte und schwarzen Gummihandschuhen ziehen sie unentwegt an ihren Zigarren und verbreiten im meist dämmrig blau-grünen Licht eine bedrohliche Stimmung. Sie wollen den Menschen all ihre Zeit stehlen und damit die Freude am Leben. Als ob ihr die Zeit gestohlen wurde, ging es auch Yvonne Wohlfeld in der Intensivwoche. „Man sieht, wow, das ist noch ganz schön viel Arbeit und dann haben die Schüler und Schülerinnen plötzlich ganz andere Themen. Beim Text lernen oder Bühnenbilder malen, bei allem gab es einen Punkt, an dem die Anfangseuphorie auf einmal weg war. Dann hiess es Dranbleiben, Weitermachen.“ So hielt sie sich mit ihrer Klasse an Strassenkehrer Beppos Tipp: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. […] Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. […] Dann macht es Freude.“ (2)
Rasend schnell
Viel Freude hatten die Schüler*innen definitiv. „Die Intensivwoche war richtig cool“, berichtet eine Schülerin. „Wir hatten keinen Fachunterricht und haben nur geübt. Manche waren auf der Bühne, die anderen haben zugeschaut oder ihren Text gelernt. Manchmal wurde parallel im kleinen Saal eine Szene geprobt.“ Ab Mitte der Woche ging es los mit den richtigen Durchläufen des ganzen Stücks und den Proben im Kostüm. Ganz schön heiss wurde es den meisten unter ihren dicken Mänteln, Anzügen und Jackets, in langen Hosen bei über 30 Grad. Dennoch war kaum ein Meckern zu hören. Alle waren bei der Sache, zumal es für einige der Sechstklässler*innen beim Umziehen hinter der Bühne manchmal rasend schnell gehen musste, um von einem Bild zum nächsten als völlig andere Figur wieder vor dem Vorhang zu stehen.
Gemächlich bis in die Fingerspitzen
Generell wirkt es, als seien die Figuren den Schüler*innen auf den Leib geschneidert, so gut identifizieren sie sich mit ihren Rollen. Momo schwebt in ihrer beruhigenden und kindlichen Art über die Bühne, die Schildkröte bewegt sich bis in die Fingerspitzen gemächlich voran, Meister Hora steht aufrecht und würdevoll, Beppo verkündet seine Weisheiten ohne belehrend zu wirken, Gigi begeistert mit seinen Geschichten, die Grauen Herren schüchtern nicht nur Momo ein und und und… Man könnte jede Rolle einzeln hervorheben. Yvonne Wohlfeld kommt ins Schwärmen: „Es gab so viele kleine Momente, wo man bei den Kindern gesehen hat, dass sie gewachsen sind. Sie sind immer mehr zu sich gekommen, sodass der Fokus für alle irgendwann auf dem Stück lag und alle an einem Strang gezogen haben. Ich fand es beeindruckend, wie die Schülerinnen und Schüler die Konzentration aufrecht gehalten haben und immer noch eins draufpacken konnten!“
Sternstunde
Und so packen alle bei der letzten Aufführung am Samstag nochmal eins drauf. Es wird eine der „Sternstunden“, von denen Meister Hora spricht: „es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke […], sodass etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre“. (3) Die Umbauten laufen, die Texte sind noch einmal sicherer, alle sind rechtzeitig auf der Bühne, die auflockernden und atmosphärischen Tänze funktionieren, die Stimmen sind deutlich, hinter der Bühne ist es ruhig und geordnet. Das Publikum lässt sich mitreissen und ist begeistert. Doch auch diese Sternstunde geht vorbei und endet in einem riesigen Applaus. Wehmütig blicken die Schüler*innen zurück. Auf der einen Seite sind sie erleichtert und finden es „toll“, alles hinter sich zu haben, andererseits würden sie doch am liebsten das Stück noch „millionenmal aufführen“ wie eine Schülerin erklärt. Die Zuschauer*innen sind auf jeden Fall zusammen mit Momo und ihren Freund*innen froh über das Happy End, als der letzte Graue Herr zu Boden fällt und beim Sterben aushaucht: „es ist gut –, dass nun – alles – vorbei – ist – – –“. (4)
Quellen
(1) Ende, Michael: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman mit Bildern des Autors, Jubiläumsausgabe, 3. Aufl., Stuttgart: Thienemann 2023, S. 3.
(2) ebd., S. 40.
(3) ebd., S. 164.
(4) ebd. S. 295.
Text und Fotos: Anika Mahler